Interview mit Lydia Teuscher

Unsere Sopranistin Lydia Teuscher beantwortet einige Fragen zu Mahlers 2. Sinfonie.

Abaco-Orchester: Wann haben Sie die 2. Sinfonie von Gustav Mahler kennengelernt?

Lydia Teuscher: Ich habe Sie zum ersten Mal mit Mariss Jansons und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks gehört und lieben gelernt.

Abaco-Orchester: Ist diese Partie Teil des üblichen Repertoires?

Lydia Teuscher: Ob Werke in das Repertoire eines Sängers gehören, muss immer individuell entschieden und manchmal auch von den Umständen der Aufführung abhängig gemacht werden. Es werden oft sehr dramatische Soprane eingesetzt… (die leider oft nicht schlicht genug singen können)

Abaco-Orchester: Welche technischen Herausforderungen stecken in Ihrer Partie?

Lydia Teuscher: Man muss leise und ganz schlicht singen können, gerade am Anfang, da sich die Stimme nicht vom Chor abheben sollte. Außerdem sollte die Partie legato gesungen werden. Eine weitere Schwierigkeit besteht im messa di voce, d. h. der dynamischen Gestaltung von Haltetönen, und darin, den Text in der hohen Lage genau zu setzen.

Abaco-Orchester: Als Solistin singen Sie zunächst die Sopranstimme des Chores mit und treten erst allmählich als eigenständige Stimme heraus. Welche Funktion hat der Solosopran im letzten Satz der Sinfonie?

Lydia Teuscher: Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Mahler von Aufführung zu Aufführung die Verteilung der Sopran- und Mezzosopranpartien immer wieder geändert hat. Er stellte sich wohl eher nur eine, sehr menschliche Stimme vor, die bereits an der Schwelle zum Paradies (4. Satz Urlicht), gewissermaßen zwischen den Welten steht. Im 5. Satz entschwebt sie dann dem Chor, wie die Seele dem Körper. Das „Entschweben ins Paradies“ ist ein Prozess, der sich über den ganzen Schlusssatz zieht. Denn zunächst besitzt der Solosopran eine andere Funktion: Zusammen mit dem Mezzosopran spendet sie Trost („O glaube, du warst nicht umsonst geboren“), aber eben sehr persönlich und nicht verloren in der „Masse“ des Chores. Danach beginnt sie mit den zentralen Worten „bereite dich ZU LEBEN“ langsam dem Chor zu entschweben und erreicht über das Gefühl der Hoffnung und den Tod schließlich das ewige Leben.
Diese letzte Passage ist das Duett mit dem Mezzosopran. Symbolisch sind sie ja eine Stimme, werden jedoch durch den Kontrapunkt potenziert. Dadurch verleihen sie dem ohnehin sehr starken Text, in dem der Tod direkt angesprochen wird („Oh Tod, du Allbezwinger, nun bist du bezwungen“) einen viel stärkeren Ausdruck als einer Stimme allein möglich wäre. Hoffnung und Glaube sind nun Gewissheit und lösen die Freude über das versprochene Leben aus. Auf dem Höhepunkt („wird’ ich entschweben“) konkurrieren die beiden Stimme vor Freude dann beinahe miteinander. Wenn sie dann voller Respekt und ganz leise – dadurch vielleicht sogar noch ausdrucksstärker – das „Licht, zu dem kein Aug’ gedrungen“ verheißen, kann sich der Chor stellvertretend für die ganze Menschheit erfreuen!

Abaco-Orchester: Sie haben kürzlich das Sopransolo in der 4. Sinfonie von Mahler gesungen. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen den beiden vokalen Schlusssätzen der Sinfonien?

Lydia Teuscher: Das Thema „Tod und Jenseits“ ist bei Mahler immer präsent. Seine Behandlung aber ist in der 2. und 4. Sinfonie genau entgegengesetzt! Im Schlusssatz der 4. hat Mahler ja einen Text aus der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn vertont. Und so schildert in der 4. eben auch ein Kind, das bereits im Himmel ist, mit größter Leichtigkeit und Humor das Leben im Paradies. In der 2. geht es viel ernster, erwachsener zu. Es werden sehr persönliche und menschliche Themen berührt: Die Angst vor dem Tod, Hoffnung, Glaube, Zweifel und schließlich die Erlösung. Die beiden Sinfonien entwickeln also im Hinblick auf dieses Thema völlig unterschiedliche Atmosphären und Charaktere!

Abaco-Orchester: Mahler lernte Klopstocks Text auf der Beerdigung von Bülow kennen, da er dort als Choral gesungen wurde. Hat Mahler Ihrer Einschätzung nach den Text ebenfalls eher liedhaft vertont oder stehen eher konzertante, dramatische Apekte im Vordergrund?

Lydia Teuscher: Ich fasse Mahlers Kompositionsweise in der 2. eher als von der Oper her kommend denn vom Lied auf, da die Dramatik ja im Vordergrund steht. Die beiden Solostimmen treten erst ganz leise aus dem Chor heraus, nur mit ein paar Worten oder Silben und steigern sich dann zu einem großen intensiven Duett.

Abaco-Orchester: Zum Schluss noch ein kleines Gedankenexperiment: Wenn Ihre Partie eine Bühnenfigur wäre, welche Eigenschaften und welche Persönlichkeit hätte Sie?

Lydia Teuscher: Obwohl mein Part nur kurz ist, fällt es mir schwer, ihn auf eine Persönlichkeit zu reduzieren. Als Bühnenfigur würde ich ihm die Eigenschaften mutig, lebenserfahren, ruhig, besonnen und positiv zuordnen.

 

Florence Eller